Der grosse Motivator
« ZurückDas Jahr 2005 markierte eine einschneidende Wende in der Laufbahn von Jorge Rossy. Damals verliess der als sensibler Schlagzeuger bekannt gewordene Spanier das Trio des Pianisten Brad Mehldau, mit dem er innerhalb eines Jahrzehnts das Piano-Trio-Genre von Innen heraus revolutioniert hatte. Nun hat der zweifache Familienvater wieder mehr Zeit zum Unterrichten; von seinem breiten musikalischen Horizont werden inskünftig auch die Studierenden der Basler Jazzabteilung profitieren.
von Tom Gsteiger
Die Schlagzeuger Elvin Jones und Tony Williams wirkten auf zahlreichen aufregenden Aufnahmen mit und bewiesen auch als Bandleader visionäres Potenzial - trotzdem werden sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf immer und ewig zuvorderst als kongeniale Mitstreiter von John Coltrane bzw. Miles Davis in Erinnerung bleiben. Manchmal gibt es eben Lebensabschnitte, die in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit alles andere in den Schatten stellen. Im Falle von Jorge Rossy ist dies das Jahrzehnt zwischen 1995 und 2005. In dieser Zeit wirkte der 1964 in Barcelona geborene Rossy als Schlagzeuger in einer Formation mit, die nicht nur Jazz-Insider in enthusiastische Verzückung versetzte. Natürlich ist hier vom Trio des Pianisten Brad Mehldau die Rede, in dem seit Rossys Ausscheiden Jeff Ballard am Schlagzeug sitzt; der Dritte im Bunde war und ist der Bassist Larry Grenadier.
Rossy stört es nicht, wenn er in erster Linie mit Mehldau in Verbindung gebracht wird. «Das ist doch besser, als wenn man mich mit Julio Iglesias identifizieren würde», scherzt er. Und damit niemand auf falsche Ideen kommt, fügt er hinzu, dass er nie mit dem spanischen Schnulzensänger und Herzensbrecher gespielt habe. Rossy lässt keinen Zweifel daran, dass die Zusammenarbeit mit Mehldau auch für ihn etwas ganz Aussergewöhnliches war: «Er spielte mit mir, war aber nicht abhängig von mir. Brad ist ein sehr grosszügiger Musiker, der über die Fähigkeit verfügt, auf subtilste Impulse zu reagieren.» Rossy selbst sieht sich als Schlagzeuger, der auf melodische Vorgänge reagiere, ohne den Groove zu vernachlässigen. Ob es ihm nicht wahnsinnig schwer gefallen sei, sich aus dieser überaus erfolgreichen Gruppe auszuklinken, wollen wir von Rossy wissen. Dieser zieht ohne Wehmut Bilanz: «Das Trio hatte seine Lebensspanne, zehn Jahre sind eine lange Zeit für eine Jazzband. Wir fanden sehr schnell zu einer eigenständigen Spielweise (*) und konnten darauf aufbauen. Selbstverständlich hätte man auf diesem Weg weiter gehen können. Ich wollte aber mehr Zeit mit meiner Frau und meinen zwei Kindern verbringen und wieder mehr spielen und auch komponieren. Wenn man ständig auf Achse ist, spielt man ja nur am Abend.»
Und so hat sich Rossy eine eiserne Regel gesetzt: Er nimmt nur noch Engagements an, für die er nicht länger als fünf Tage aus dem Haus muss. Tatsächlich macht Rossy nicht den Eindruck eines Menschen, der sein Ego im Rampenlicht zu sonnen braucht. Seinen Anteil am Haushaltseinkommen wird er vorderhand zu einem guten Teil mit Unterrichten verdienen. Zwei Tage pro Woche verbringt Rossy in San Sebastian, wo es ein fixes Pensum von zwölf Stunden zu absolvieren gilt. In Basel wird er seine Lehrtätigkeit in Blöcken gestalten. Sein Einstand in der zweiten Märzwoche 2007 hinterliess einen ausserordentlich positiven Eindruck, fast ist man versucht zu sagen: Er kam, sah und siegte. Rossy verfügt nicht nur über grosse Motivationskraft, sondern er kann auch kritisieren, ohne zu verletzen. Spielerische und analytische Elemente ergänzen sich in seinem Unterricht auf überzeugende Weise. Rossy ist gegen Dogmen und hat keine pfannenfertigen Rezepte. Er ist überzeugt davon, dass der Lernprozess, der für ihn auch Forschungscharakter hat, nicht linear, sondern spiralenförmig verläuft: «Man kommt immer wieder zu den gleichen Dingen zurück und dringt zu tieferen Schichten vor.»
Rossy sagt von sich: «Ich bin Musiker, das Instrument ist sekundär.» Tatsächlich wurde Rossy als Schlagzeuger bekannt, aber seine Jazzkarriere begann er als Trompeter und neuerdings steht für ihn das Klavier an erster Stelle (die Trompete hat er definitiv an den Nagel gehängt). Vor diesem Hintergrund kann es kaum verwundern, dass Rossy es für gefährlich hält, einzelne musikalischen Aspekte (Rhythmus, Harmonie etc.) voneinander zu separieren. «Auf der Bühne passiert alles gleichzeitig», gibt er zu bedenken. Rossy erzählt eine Anekdote aus der Zeit, als er in Berklee studierte: «Da gab es Schlagzeuger, die mir in technischer Hinsicht ganz klar überlegen waren. Sie übten den ganzen Tag die kompliziertesten Patterns. Trotzdem wurde ich häufiger für Gigs angefragt. Wenn man ein vernünftiges Gespräch führen will, sucht man sich ja auch nicht jemanden, der sehr schnell und laut spricht und nicht zuhört.»






